Erfahrungsberichte:

Parlamentsbesuch im März in Wien  

 

Am 29.03.2025 ging es für alle interessierten Teilnehmer:innen des Forum Usher-Taubblind ins österreichische Parlament.  

 

Trotz wechselhaftem Wetter trafen wir – angereist aus ganz Österreich – uns am Samstagvormittag im Foyer des Besucherzentrums des Parlaments. Nach einer kurzen Sicherheitskontrolle – ganz wie am Flughafen – gelangten wir in den Eingangsbereich des Besucherzentrums, die „Agora“. Der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Marktplatz“. In der Antike war die Agora ein zentraler Versammlungsort; passend also für das Herzstück des Besucherbereichs. Dank der Generalsanierung präsentiert sich dieser Raum heute modern, hell und barrierefrei.  

 

Nach dem Abholen und Einrichten der Funkkopfhörer lernten wir unseren Guide Ernesto kennen. Der gut gelaunte und humorvolle Mann begrüßte uns herzlich, bevor es zur ersten Station ging – der Parlamentsbibliothek. Mit rund 400.000 Büchern zählt sie zu den größten politischen Fachbibliotheken Österreichs. Der Bestand, der sich schwerpunktmäßig mit Recht, Politik und Geschichte befasst, kann wie in jeder anderen Bibliothek ausgeliehen werden, dient aber in erster Linie als Arbeits- und Referenzquelle für Abgeordnete und Mitarbeiter:innen.

  

Nach einem kurzen Blick auf die Bücher ging es quer durch die Agora in ein Stiegenhaus. Dieses Stiegenhaus mit Lift entstand im Zuge der jüngsten Renovierung, indem mehrere kleinere Räume neben- und übereinander zusammengelegt wurden. Die dabei erhaltenen alten Türrahmen verleihen dem hohen, schlanken Raum eine spannende Optik.  

 

Säulenhalle

Unsere Gruppe in der beeindruckenden Säulenhalle

Unser nächstes Ziel war die beeindruckende Säulenhalle. Der mächtige Raum mit Marmorboden und Glasdach wird von 24 monolithischen Säulen aus Adneter Rot-Grau-Schnöllmarmor getragen. Während der Luftangriffe im Februar 1945 wurden zwei Säulen zerstört; sie wurden 1950 durch neue Säulen aus demselben Steinbruch ersetzt und sind an ihrer etwas anderen Farbnuance zu erkennen. An einer weiteren Säule lassen sich bis heute leichte Bombensplitter-Spuren ertasten – ein stilles Mahnmal der Ereignisse.  

 

Von der Säulenhalle wechselten wir in den historischen Bundesversammlungssaal. Er blieb im Krieg weitgehend unversehrt und ist noch original erhalten, einschließlich des reich verzierten Glasdachs. Jeder Abschnitt des halbrunden Dachs stellt symbolisch einen Buchrücken dar. In einem Halbkreis vor der römisch anmutenden Statuenwand befinden sich die hölzernen Bänke mit 512 Sitzen, auf denen einst die Abgeordneten des Unterhauses der Donaumonarchie Platz nahmen. Mangels gemeinsamer Sprache ging es hier oft turbulent zu, weshalb man den Saal damals scherzhaft „Tintenkammer“ nannte: Nicht selten flogen schwere Glas-Tintenfässer. Heute ist der Raum für reguläre Sitzungen zu groß, weshalb der Bundesrat inzwischen im umgebauten ehemaligen Budgetsaal tagt. Um die Saalgröße für unsere vollblinden Mitglieder erlebbar zu machen, ging Ernesto laut sprechend hinter der Absperrung einmal quer durch den Raum und demonstrierte damit die Akustik – eine nette Geste.  

 

Gruppenfoto im Plenarsaal

Gruppenfoto im Plenarsaal

Danach folgte die „Hauptattraktion“: der Sitzungssaal des Nationalrats, häufig einfach Plenarsaal genannt. Da an Wochenenden keine Sitzungen stattfinden, durften wir den Saal auf Ebene des Plenums betreten – werktags ist normalerweise nur der Besucherbalkon zugänglich. Der ursprüngliche Herrenhaussaal im neogriechischen Stil wurde 1945 durch Bombentreffer fast vollständig zerstört; der 1956 errichtete Neubau wurde bewusst schlicht gehalten. Im Rahmen der jüngsten Generalsanierung erhielt der Saal ein neues Glasdach, moderne Technik (unter anderem auch eine Induktionsanlage) sowie deutlich flachere Ränge, sodass Rollstuhlnutzer:innen überall sitzen können. Nach Ernestos Erklärung durften wir die Plätze frei wählen – sogar die Regierungsbank war erlaubt. Von dort bietet sich ein eindrucksvoller Blick über das Plenum, insbesondere vom höhenverstellbaren Rednerpult. Die Sitze sind überraschend bequem und an jedem Platz lässt sich per Knopfdruck ein Info-Monitor ausfahren – diese Funktion war während unseres Besuchs allerdings deaktiviert. Mehrere von der Decke hängende Mikrofone zeichnen jede Wortmeldung auf.  

 

Nach einiger Zeit im Plenarsaal endete die Führung und wir kehrten zur Agora zurück. Dort gaben wir die Headsets ab, bedankten uns bei Ernesto und ließen das Gesehene kurz Revue passieren. Einen so unmittelbaren Blick ins Zentrum der österreichischen Demokratie zu werfen, ist wirklich beeindruckend.  

 

Zum Abschluss fuhren wir noch hinauf ins Café Kelsen im obersten Stockwerk, wo wir den Tag bei Kaffee und kleinen Snacks gemütlich ausklingen ließen.  

 

Insgesamt fanden wir den Besuch hochinteressant. Die Renovierung verbindet modernen Komfort mit respektvoller Bewahrung des historischen Ambientes. Besonders positiv fiel die durchgehende Barrierefreiheit auf: nahezu alle Wege sind ebenerdig oder per Lift erreichbar, Stolperfallen wurden beseitigt und die Säle sind gut ausgeleuchtet. Auch die Headsets und Induktionsgeräte funktionierten tadellos, sodass selbst unsere schwerhörigen Mitglieder alles mitverfolgen konnten. Die Dolmetschung für unsere gehörlosen Mitglieder wurde ohne großen Aufwand und kostenlos für die Dauer der Führung vom Parlament zur Verfügung gestellt.  

Ich selbst werde sicher noch einmal ins Parlament zurückkehren – es gibt noch einige Räume, die wir diesmal nicht geschafft haben.  

 

Es war eine Freude, diese Erfahrung gemeinsam zu machen. Bis zum nächsten Vereinsevent!

 

– Felix Klein

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