Erfahrungsberichte:

Kunstausstellung „Haptische Kunst“ von Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit

 

Blick in den Raum der Kunstausstellung in der alten WU. Auf der rechten Wand steht „Haptische Kunst“, davor stehen Tische mit Sensibilisierungsmaterialien und zwei Personen, welche sich das anschauen. Links führt ein schmaler roter Teppich am Boden als Führungslinie in den Raum.

Im Oktober 2025 fand eine wirklich tolle haptische Kunstausstellung in Wien statt. Bei dieser konnten zum ersten Mal in Österreich Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit ihre Kunstwerke präsentieren! Auch gehörlose Künstler:innen konnten in den Räumlichkeiten der Alten Wirtschaftsuniversität ihre Kunstwerke ausstellen. Die Kunstausstellung wurde vom Verein Gebärdenverse organisiert, welcher die künstlerische und mediale Teilhabe der Tauben Kultur und Taubblinden Community fördert.

9 Künstler:innen aus ganz Österreich beteiligten sich an der Kunstausstellung, wovon 2 davon aus Tirol waren. Zu den Künstler:innen zählten Anita Schachinger, Cecilia Göbl, Horst Oberndorfer, Julia Moser, Lydia Kremslehner, Margit Lusser, Marko Lalic, Peter Dimmel und Victoria Vörös. Nach der Eröffnung am 3. Oktober konnte die Kunstausstellung bis einschließlich 31. Oktober besichtigt und mit allen Sinnen erlebt werden.

 

 

Denn die Besonderheit bei dieser Ausstellung war die haptische Kunst, welche sowohl visuell sichtbar als auch fühlbar war. Das heißt alle Kunstwerke konnten angefasst und auch auf verschiedenen barrierefreien Ebenen zugänglich gemacht werden. Wenn die Kunstobjekte ausschließlich 2-dimensional angefertigt wurden oder zu fragil zum Anfassen waren, wurde vom Verein Gebärdenverse daraus Modelle aus dem 3D Drucker angefertigt.

Gruppenfoto von links nach rechts mit Oliver Suchanek (Obperson Verein Gebärdenverse), Lydia Kremslehner (USH-TB Ansprechpartnerin Tirol) und Paula Scharnagl (TBA). Alle lachen und stehen vor einer künstlerisch gestalteten Wand aus Augen, Symbolen, Lormhänden, Sprechblasen usw.

Genauso wurden die Informationen der Kunstausstellung in vielerlei Hinsicht umfassend barrierefrei aufbereitet. So konnten die Beschriftungen mit taktilen Tafeln erfasst und die Kurzbiografien der einzelnen Künstler:innen sowohl in Schwarzschrift, Braille als auch in leichter Sprache gelesen werden. Neben den wichtigen Führungen in Österreichischer Gebärdensprache gab es auch begleitend Workshops zu Taubblindheit, Inklusion und Kunst.

Auch die vielen Sitzmöglichkeiten und der rollstuhlgerechte Zugang zum Gebäude trugen dazu bei, dass diese Ausstellung ein tolles Erlebnis ohne Barrieren war. Meines Erachtens war dies die allererste Kunstausstellung, welche hinsichtlich der Barrierefreiheit derart vollumfassend organisiert und für wirklich alle Menschen zugänglich war.

Damit war die Kunstaustellung nicht nur ein Erlebnis für alle

Sinne sondern trug zur kulturellen und künstlerischen Sichtbarkeit von Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit bei.

 

Bei Interesse an Gebärdenverse und weitere Informationen siehe Homepage:

https://gebaerdenverse.at/kunstausstellung/

 

Lydia Kremslehner MA, November 2025

 

Zwei Hände erfassen ein 3D Modell eines Kunstwerkes aus zahlreichen Linien.

Ein Kunstwerk eines schwarz-grauen Gorillas aus flauschigem Stoff sitzt auf einem Feld aus Moos und guckt in die Kamera.

Kunstwerk Acryl auf Leinwand: Landschaft mit einer gelb-grünen ertastbaren Wiese, einem großen ertastbaren Baum und einem blauen Himmel.

 

 

Fünf abstrakte, bunte Kunstwerke aus Bügelplatten hängen an der Wand.

Zwei Bilder hängen an der Wand, davor steht ein kleiner Tisch mit den Unterlagen der Künstler:in. Auf den Bildern ist eine Landschaft in Rot, Gelb und Schwarz und ein Tigerkopf in Farbe



Kundgebung zur Verbesserung der Lebenssituation von taubblinden und hörsehbeeinträchtigten Menschen sowie zur Anerkennung und Finanzierung von Taubblinden-Assistenz in Österreich

 

Am 26. September 2025 fand vor dem Parlament in Wien eine Kundgebung statt. Ziel der Kundgebung war, auf die Lebenssituation von taubblinden und hörsehbeeinträchtigten Menschen hinzuweisen und die Anerkennung und Finanzierung von Taubblinden-Assistenz in Österreich einzufordern. Die ÖHTB Beratungsstelle für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen in Wien organisierte die Kundgebung im Rahmen des Leuchtturm-Projektes „Brücken bauen“. Rund 120 Personen – bestehend aus Betroffenen, Angehörigen, Taubblinden-Assistent:innen, Dolmetscher:innen und andere Fachkräfte aus allen Bundesländern reisten an. Auch Lydia Kremslehner von der Selbsthilfegruppe Hörsehbehinderung und Taubblindheit aus Tirol war vertreten. Wir alle setzten gemeinsam ein starkes Zeichen für die dringenden Bedürfnisse der Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit. Denn Betroffene benötigen qualifizierte Taubblinden-Assistenz um an allen Teilen der Gesellschaft teilhaben zu können.

 

Mit mehreren Ansprachen in unterschiedlichen Kommunikationsformen wie in Gebärdensprache, taktiler Gebärden, Lormen, Lautsprache usw. verschafften wir uns vor dem Parlament Gehör. Nicht nur vor dem Parlament waren Betroffene sichtbar, sondern auch über verschiedene Medienformate konnten wir auf die Thematik aufmerksam machen:

  • In einem Video kommen Betroffene selbst zu Wort und erklären eindrücklich „Wir brauchen Taubblinden-Assistenz (TBA) … jetzt!“

https://youtu.be/-sbdP1jGPDQ?si=yZFnWfLKV-0g4MvG

  • Auch auf Ö1 sowie im ORF („Zeit im Bild 1“) wurde über die Aktion berichtet. Die Beiträge als Video, Audiodatei und auch in Textform angeschaut, nachgehört bzw. nachgelesen werden:

https://usher-taubblind.at/presse/medienbeitraege-2025/

 

Lydia Kremslehner MA, November 2025



Was sind taktile Gebärden bzw. taktile Gebärdensprache? 

Das ist Gebärdensprache mittels Berührung. Dabei legt die taubblinde Person ihre Hände auf die Hände des gebärdenden Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartner:in. So kann die taubblinde Person die Form und die Bewegung der Gebärden fühlen. Das taktile Gebärden ist eine „Vierhandkommunikation“.

Nähere Infos siehe PDF von Brigitte Baumann im Rahmen des Workshops:

Information_Workshop_Vortrag_taktile_Gebärden

 

Workshop „Taktil Gebärden“ 25.04.2025 (14:00-16:00 Uhr) in Innsbruck

Das Thema „Taktile Gebärdensprache“ wurde am 25. April 2025 in Innsbruck zum ersten Mal in Rahmen eines Workshops behandelt. Somit gab es für Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit als auch für Angehörige, Assistent:innen und Interessierte aus den verschiedensten Bereichen Gelegenheit die taktilen Gebärden kennenzulernen. Der Workshop wurde von Brigitte Baumann durchgeführt. Sie ist Gebärdensprachpädagogin bei der Firma HandsCom und zugleich Betroffene aus Wien. Beim Workshop waren ein paar Betroffene und jede Menge interessierte Fachpersonen dabei.

 

Brigitte Baumann betonte zu Beginn die Teilhabe; Taubblinde Menschen dürfen in der Gehörlosencommunity genauso dabei sein. Sie erklärte uns ganz genau wie und wo Taktile Gebärden durchgeführt werden können. Die Position der Hände, das langsame Annähern und die behutsame Berührung standen im Zentrum. Brigitte Baumann machte uns auch auf einige geläufige Fehler aufmerksam: wie etwa zu nahe oder intime Berührungen. Es gab auch Gelegenheit, um ein paar Taktile Gebärden interaktiv zu üben. Brigitte Baumann ging zu jedem Teilnehmer:innenpaar und gab Tipps oder Verbesserungsvorschläge. Im Anschluss wurden uns noch ein paar haptische Zeichen (Haptic Signs) gezeigt. Zu guter Letzt hatte sich Brigitte Baumann eine abgewandelte Form des Spiels „Stille Post“ überlegt. Die Teilnehmer:innen stellten sich hintereinander in einer Reihe auf und konnten sich gegenseitig nicht sehen. Die erste Person drehte sich jeweils zur nächsten Person um und führte die Taktile Gebärde aus. Diejenige Person, welche die Taktile Gebärde empfangen hat, drehte sich im nächsten Schritt auch um und gab ihr Wissen an die nächste Person weiter. Dies ging die ganze Reihe durch bis zum Ende. Natürlich kam, wie bei jeder Stillen Post, ein ganz anderes Wort dabei heraus. ???? Im Großen und Ganzen waren einige interessante Informationen zur Umsetzung der taktilen Gebärden dabei.

 

Lydia Kremslehner MA, Juli 2025



Was ist Haptic Sign bzw. Body Sign? 

Haptic Signs sind haptische Zeichen. Das ist eine Kommunikationshilfe mittels Tastsinn für Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit. Sie funktionieren über Berührungen an der Hand, Schulter, Oberarm, Rücken usw.  Diese sind im Alltag praktisch anwendbar!

Nähere Infos siehe PDF von Jana Horkava im Rahmen des Workshops:

Information_Workshop_Body_Signs

 

Workshop Haptic Signs 24.04.2025 (11:30-15:30 Uhr) in Innsbruck

Am 24. April 2025 gab es in Innsbruck zum ersten Mal einen Workshop über Haptic Signs für Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit.  Damit gab es für Betroffene als auch für Angehörige, Assistent:innen und Interessierte aus den verschiedensten Bereichen die Möglichkeit Haptic Signs zu lernen! Jana Horkava von der ÖHTB Beratungsstelle aus Wien führte den Workshop aus. Sie ist Projektmitarbeiterin, Pädagogin und Taubblinden-Assistentin. Der Workshop wurde von sehr vielen Betroffenen und einigen Assistent:innen und interessierten Fachleuten besucht.

 

Nach technischen Anlaufschwierigkeiten startete Jana Horkava mit grundsätzlichen Erklärungen zu Haptic Signs. Sie ging darauf ein, was haptische Kommunikation überhaupt ist, erklärte den Begriff Haptik sowie die Herkunft und Möglichkeiten von Haptic Signs in der Kommunikation. Sie betonte, dass haptische Kommunikation eine Ergänzung zu bestehenden Kommunikationsformen wie Lormen, Taktile Gebärden, Lautsprache ist. Haptic Sign ist somit keine eigene Kommunikationsform. Nach den Anwendungsfeldern und Möglichkeiten wurde schnell klar, welchen praktischen Nutzen Haptic Sign hat. Haptic Signs können auf unterschiedliche Körperzonen je nach Belieben ausgeführt werden. Vor allem die Art der Berührung im Sinne der Bewegung, Häufigkeit, Druckintensität und Ausführung sind wesentlich. Nach der Erklärung dieses theoretischen Inputs gingen wir auf die Vokabeln ein. Dieser Teil des Workshops war interaktiv; jede:r konnte jedes neue Wort selber spüren und auch bei einer anderen Person ausführen. Damit waren Betroffene nicht ausschließlich „Empfänger“ sondern auch Angehörige und Assistent:innen konnten die Haptic Signs spüren lernen. Jana Horkava bemühte sich sehr und ging trotz der großen Gruppe auf jede Person individuell ein. So wurden neue Wörter für blinde Personen erklärt und danach mit der Bewegung ausgeführt. Die neuen Wörter wurden auch auf visueller Ebene für Gehörlose bei einer Teilnehmerin gezeigt. Wenn sich Kursteilnehmende nicht auskannten oder etwas falsch ausführten, war Jana Horkava sofort zur Stelle. Sie erkannte im emotionalen Ausdruck sofort, wenn Hilfe notwendig war. Jedes Wort wurde solange durchgeführt, bis es jede:r verstanden und gespürt hat. Es war ein wirklich toller Workshop und hat mit Jana Horkava sehr viel Spaß gemacht. Damit aus den erlernten praktischen Haptic Signs nichts vergessen wird, können die Zeichen in einem haptischen Lexikon im Internet angeschaut werden. Hier ist der Link: https://hapticbodysigns.de/de

 

Lydia Kremslehner MA, Juli 2025



Taubblind Schifahren

 

Hier ist ein spannender Internetbericht über das Taubblind Schifahren mit Video und Interviews von Torbjörn Svensson und Lydia Kremslehner:

https://tirol.orf.at/stories/3297924/

 

Torbjörn Svensson ist aus Schweden, taubblind und ein leidenschaftlicher Schifahrer. Er war im März 2025 in Tirol zu Besuch. Er war in Finkenberg im Zillertal mit seiner Familie und den Taubblinden-Assistent:innen schifahren. Gegenüber dem ORF Tirol erklärt er genau, wie das mit qualifizierter Unterstützung gelingt. In Schweden ist die qualifizierte Unterstützung viel besser ausgebaut im Vergleich zu Tirol und Österreich. In Österreich fehlt die qualifizierte Unterstützung für Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit. Ohne eine qualifizierte Taubblinden-Assistenz oder Taubblinden-Dolmetschung ist es schwierig gewisse Sportarten, Hobbies, Ausflüge und Urlaube durchzuführen. Diese ist aber aus meiner Sicht notwendig, um als betroffene Person das Leben selbstbestimmt führen zu können. Denn solcherart Unterstützungen sind das Auge und Ohr für Betroffene. Sie helfen in den Bereichen Information, Kommunikation und in der Mobilität und überwinden zahlreiche Hindernisse und Barrieren.

 

Ich bin, ähnlich wie Torbjörn Svensson, früher als Jugendliche auch sehr oft und gerne Schifahren gewesen. Leider habe ich nach meiner Diagnose „Usher-Syndrom“ meine komplette Schi-Ausrüstung verkauft. Ich dachte, das wäre mit dieser Behinderung nicht möglich. Aber es ist möglich und zwar mit qualifizierter Unterstützung! Ich hoffe auch, dass ich wie Torbjörn Svensson irgendwann wieder auf der Schipiste sein kann und das Gefühl von Freiheit erleben kann.

 

Ich danke Torbjörn Svensson für diesen Beitrag und die Motivation! Dieser Beitrag macht deutlich, dass Bedürfnisse von Menschen mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung im Grunde genommen gleich sind. Der große Unterschied liegt in den Rahmenbedingungen und im eigenen Land/Bundesland, um das zu ermöglichen. Es darf aber keinen Unterschied machen, wo Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit wohnen. Jede:r Betroffene sollte die Möglichkeit bekommen, Sportarten und Hobbies nachgehen und damit selbstbestimmt leben zu können.

 

Lydia Kremslehner MA, Juli 2025



Selbsthilfegruppe Hörsehbehinderung und Taubblindheit –

Gemeinsame Veranstaltung zu 10 Jahre Taubblindenarbeit Tirol

 

Gruppenfoto mit dem Vorstandsteam des Gehörlosenverbandes Tirol: von li nach re Jasmin Hacker_Irmgard Hammer_Lydia Kremslehner_Monika Mück-Egg. Lydia Kremslehner hält einen Blumenstrauß in der Hand

Gruppenfoto mit dem Vorstandsteam des Gehörlosenverbandes Tirol: von links nach rechts: Jasmin Hackl, Irmgard Hammer, Lydia Kremslehner, Monika Mück-Egg. Lydia Kremslehner hält einen Blumenstrauß in der Hand.

Die Selbsthilfegruppe Hörsehbehinderung und Taubblindheit arbeitet seit 2018 mit der Taubblindenberatung zusammen. Die Taubblindenberatung wird von Martina da Sacco geleitet und ist beim Gehörlosenverband Tirol angesiedelt. Die Taubblindenberatung feierte ihr 10-jähriges Bestehen mit einer Veranstaltung am 25.10.2024. Der Gehörlosenverband Tirol ermöglichte diese Veranstaltung im Gehörlosenzentrum. Neben Martina da Sacco und Barbara Latzelsberger von der ÖHTB-Beratungsstelle für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen in Wien hielt auch Lydia Kremslehner als Ansprechperson in Tirol einen Vortrag.

 

Martina da Sacco berichtete über die Taubblindenarbeit in Tirol in den letzten 10 Jahren.

Informationsmaterial auf einem Tisch: Visitenkarten, Folder, Lormkarten und Taubblinden-Buttons vom Verein Usher-Taubblind

Barbara Latzelsberger berichtete über das wichtige Projekt „Brücken bauen“ zur Etablierung von Taubblinden-Assistenz in Österreich.

Lydia Kremslehner berichtete über den österreichweiten Verein „Forum für Usher-Syndrom, Hörsehbeeinträchtigung und Taubblindheit“ und die Situation der Betroffenen.

 

Dank guter Vernetzungsarbeit von Lydia Kremslehner zum Land Tirol und zur Stadt Innsbruck konnten auch wichtige Personen aus der Politik eingeladen werden.

Vortragende von links nach rechts: Lydia Kremslehner, Martina da Sacco, Barbara Latzelsberger. Alle 3 Personen halten jeweils einen Blumenstrauß in der Hand.

Dies war das erste Mal, dass Personen aus der Politik vertreten waren. Auch Helene Jarmer, Peter Dimmel und Brigitte Baumann waren zu Besuch. Neben Interessierten, Angehörigen und Fachpersonen aus unterschiedlichsten Bereichen waren auch Betroffene vor Ort. Nach den Vorträgen gab es bei einem Buffet noch Zeit für Austausch und Vernetzung.

 

Die Veranstaltung war mit WLAN-Hörtechnik, Schriftdolmetschen, Gebärdensprachdolmetschen, taktiler Gebärdensprache und Lormen barrierefrei möglich.

3 Personen kommunizieren miteinander. Links steht eine taubblinde Person, diese empfängt von ihrer Taubblinden-Assistenz Lormen. Die Taubblinden-Assistenz steht gegenüber und übermittelt die Information von der gehörlosen Person. Die gehörlose Person steht rechts.

Als Probleme wurden fehlende offizielle Betroffenenzahlen und Dienstleistungen wie Taubblinden-Assistenz und Taubblinden-Dolmetschung mitsamt dazugehöriger Ausbildung und die Unwissenheit über die Bedürfnisse der Betroffenen geschildert. Aufgrund dieser mangelnden strukturellen Versorgungslage ist es für Betroffene schwer bis gar nicht möglich, überhaupt aktiv zu werden. Aus dem Grund kämpft Lydia Kremslehner weiterhin für die Anliegen der Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit.

Übersichtsfoto von der rechten Seite des Raums im Gehörlosenverband Tirol. Blick ausgehend vom sitzenden Publikum in Richtung Vortragende. Vorne steht Lydia Kremslehner mit der Powerpoint Präsentation, links davon steht die Gebärdensprachdolmetschung.

 

 

Text verfasst von Lydia Kremslehner, MA

Original erschienen in Zeitschrift Selbsthilfe wirkt 3/2024, Ausgabe Dezember 2024

Bericht auf Seite 16+17 als PDF:

Bericht HSB+TB_Veranstaltung_Zeitschrift Selbsthilfe wirkt 3_2024



Hier ist ein Erfahrungsbericht eines Betroffenen bei seinen Reisen. Er war in Helsinki in Finnland unterwegs! Bitte den Link anklicken und weiterlesen. Viel Spaß beim Lesen!

VISIT HELSINKI

 



Auswirkungen der Maskenpflicht für Menschen mit Hörsehbehinderung

 

Ich möchte gerne einen Einblick in meinen Alltag über die Corona-Maßnahmen und deren gesellschaftliche Entwicklung letztes Jahr bis heute geben. Wie wir alle wissen, ist es im Rahmen der Corona-Maßnahmen wichtig den Abstand einzuhalten, einen Mund-Nasenschutz zu tragen, keinen Körperkontakt zu halten und Hände zu desinfizieren. Vor allem die Verordnung zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes stellt ein enormes Hinderniss für mich dar, weil dadurch keine akustische oder nonverbale Kommunikation möglich ist. Die meisten Menschen mit Hörsehbehinderung haben, so wie ich, noch ein Rest-Hörvermögen oder Rest-Sehvermögen – die noch verfügbaren Sinne werden noch so lang wie möglich genutzt. Ich bin im Alltag in der Kommunikation auf das Lippen lesen, auf die Mimik/Gestik und auf Gebärden/lormen angewiesen. Wenn ich mit Assistenz unterwegs bin, tragen wir beide meistens keinen Mund-Nasenschutz, da wir ständig miteinander kommunizieren – eben auch bei der Bewältigung des Weges.

 

In der Covid-19-Notmaßnahmenverordnung §15 (3) sind Menschen mit Hörbehinderung und Gehörlosigkeit und deren Gegenüber in der Kommunikation vom Tragen eines Mund-Nasenschutzes ausgenommen. Es gibt bis heute leider keine explizite Eintragung zur Ausnahmeregelung für Menschen mit Hörsehbeeinträchtigung und Taubblindheit.

 

Im Frühjahr 2020 habe ich bei meinen alltäglichen Erledigungen mein Gegenüber in der Kommunikation darum gebeten den Mund-Nasenschutz runterzugeben, damit ich sie verstehe. Viele Menschen haben das ohne Probleme anstandslos gemacht, damit war eine Bewältigung des Alltags gut möglich. Doch dann kam der Herbst 2020. Die Bereitschaft der Bevölkerung den Mund-Nasenschutz während der Kommunikation runterzugeben war schlagartig nicht mehr gegeben. Zu diesem Zeitpunkt kam dann zwar die Covid-19-Ausnahmeregelung für Menschen mit Hörbehinderung raus, jedoch änderte sich nichts am zwischenmenschlichen Umgang. Ich und meine Assistenz werden seitdem indirekt und direkt diskriminiert. Wir werden aus Geschäften und Dienstleistungseinrichtungen verwiesen, fotografiert und aggressiv beschimpft. Es treten bei fast jedem Besuch anderer Örtlichkeiten Schwierigkeiten auf, in der ich und meine Assistenz über die Ausnahmeregelung informieren und diskutieren. Das ständige Erklären ist anstrengend, weil die Menschen mich nicht ernst nehmen. Auch abwertende Blicke tragen dazu bei, dass ich mich wie eine Gesetzesverbrecherin und Virus-Massenmörderin stigmatisiert fühle. Die Menschen glauben, dass ich und meine Assistenz Maskenverweiger:innen sind und dass sie sterben, wenn wir keine Masken tragen!

 

Letztens wurde mir an der Universitätsbibliothek erklärt, dass die Covid-19- Notmaßnahmenverordnung und auch mein ärztliches Attest keine Gültigkeit für die Universität Innsbruck hat, da die Universität autonom sei. Nur ein ärztliches Attest von der internen Betriebsärztin habe Geltung. Diese wiederum stellt mir aber kein Attest mit der Ausnahmeregelung in der Kommunikation aus, weshalb ich bis heute das Universitäts-Gebäude nicht betreten darf.

Die Angst vor Menschen ohne Mund-Nasenschutz ist dermaßen groß, dass manche nicht mehr auf ihren Hausverstand hören, auch die Notwendigkeit miteinander kommunizieren zu müssen, scheint nicht mehr gegeben zu sein. Bürokratische Hürden und Unsicherheiten in der Gesellschaft sind massiv gestiegen.

Als hörsehbehinderte Person bin ich bereits gefährdet in Isolation zu rutschen. Die Corona-Maßnahmen, die gesellschaftlichen Ängste und die politischen Spannungen zur Maskenverweigerung haben mich nun endgültig in die Isolation befördert. Die einzigen Kontakte, welche ich zur Außenwelt derzeit habe, bestehen aus Diskriminierungen, diese wiederum schaden meiner Psyche. Lediglich in meinen vier Wänden ist ein Kontakt zu meine:n Assistent:innen, zu engen Freund:innen und meiner Katze möglich. Die Zahl der psychischen Erkrankungen, Ängste und Suizidraten sind enorm gestiegen.

 

Ich hoffe sehr, dass in der Politik und in den Medien/Öffentlichkeit der Kommunikation mit Mimik/Gestik und dem wertschätzenden zwischenmenschlichen Umgang mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Schließlich passiert 90% der Kommunikation über Gesichtsausdruck, Tonlage, Emotion und Gestik/Körperkontakt. Auch die Unwissenheit über die Bedürfnisse der Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit sollte durch Aufklärungen beseitigt werden. Denn Menschen mit Hörsehbehinderung sind keine Maskenverweiger:innen sondern Menschen, die einfach nur kommunizieren wollen.

 

Lydia Kremslehner, Mai 2021


Ausnahmeregelung für Hörbehinderte in Covid-Verordnung!

Am 27.11.2020 wurde vom Bundesministerium eine Änderung der COVID-19-Notmaßnahmen-Verordnung vorgenommen. Diese berücksichtigt unter Anderem nun auch die Bedürfnisse von hörbehinderten und gehörlosen Menschen. Gehörlose und hörbehinderte Menschen sind bei der Kommunikation auf die Mimik und das Mundbild angewiesen. Deswegen gibt es jetzt eine Ausnahmeregelung: Menschen mit Hörbehinderung/Gehörlosigkeit und deren Kommunikationspartner:innen dürfen den Mund-Nasen-Schutz während der Kommunikation abnehmen. Damit ein Verstehen in der Kommunikation möglich ist! Das ist vor allem für jene Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit relevant, welche noch das Gesicht/Lippen ausreichend erkennen können. Diese Ausnahme-Regelung kann auf BIZEPS nachgelesen werden:

https://www.bizeps.or.at/novelle-der-covid-19-notmassnahmenverordnung-beruecksichtigt-beduerfnisse-gehoerloser-menschen/

 



Gewohnheiten im Umgang mit hörsehbehinderten / taubblinden Menschen

 

Es ist unmöglich alle alltäglichen Situationen zu beschreiben an denen ich mit meinen derzeitigen Möglichkeiten anstehe bzw. frustriert bin, jedoch möchte ich ein paar Beispiele aus meinen Alltag aufzählen, um einen kleinen Einblick für Außenstehende zu gewähren. Das Thema was ich aufgreifen möchte, sind die unterschiedlichen körperlichen Gewohnheiten die Menschen haben, welche in Sekundenbruchteilen ablaufen können.

 

So kommt es oftmals vor, dass fremde Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn sie mich mit dem Blindenstock sehen und mir helfen wollen, stets sagen: „Hier/Da können Sie sich hinsetzten!“ Diese Leute wissen, dass ich eine Sehbehinderung habe und wollen mir wohlwollend helfen. Dennoch nehmen sie in den meisten Fällen keinen Körperkontakt zu mir auf. Und falls schon, dann wollen sie mich irgendwo hinschieben/drücken, anstatt vorauszugehen oder zu führen. Für den Fall, wenn ich diese Aussage akustisch überhaupt verstehe, kommt meinerseits diese Antwort bzw. Frage: „Wo ist da?“ Wenn dann die Menschen den Arm ausstrecken und hinzeigen und dies nochmals mit einem „Da!“ untermauern, dann haben sie nur aus ihrer Gewohnheit heraus gehandelt. Sie haben nicht wirklich begriffen, was es bedeutet eine Sehbeeinträchtigung/Blindheit zu haben.

Das ist das internationale Taubblinden-Zeichen. Das ist blau und zeigt in weiß ein durchgestrichenes Ohr und eine Figur mit Langstock. Desweiteren steht über den Symbolen in weißer Schrift in deutsch „Taubblind“ und darunter in englisch „deaf-blind“.

Zu meinem Bedauern passieren solche Gewohnheiten leider bei fast allen Menschen, welche visuell sehen können. Dazu zählen leider auch die Persönliche Assistent:innen, Persönliche Assistent:innen am Arbeitsplatz und auch die Betreuung vom mobilen Hilfsdiensten. Vor allem jenen Assistent:innen passieren solche Gewohnheiten immer wieder, obwohl viele mich schon seit vielen, vielen Jahren kennen und betreuen.

Als weiteres Beispiel möchte ich Aspekte im Sozialen Miteinander aufgreifen. So passiert es oft, dass Menschen, welche mit mir kommunizieren, mich nicht anschauen oder auch nicht in meine Richtung sprechen. Sie sprechen mit mir und drehen aber das Gesicht weg, drehen sich um oder gehen in einen anderen Raum. Die Menschen kennen mich und wissen, dass ich schwerhörig bin und auf die Kommunikation in der Nähe mit direktem Gesicht-kontakt angewiesen bin. Aber dennoch tun sie das immer wieder und reden zum Beispiel mit der Wand, mit der Tasche, mit den Unterlagen usw. Sie sprechen aus Gewohnheit einfach in den Raum hinein und glauben, dass alle Menschen das akustisch dennoch verstehen können, wenn sie sich vom: von der Gesprächspartner:in abwenden. Wenig nachvollziehbar ist diese Gewohnheit, wenn das Menschen tun, die mich schon viele, viele Jahre kennen. Wie etwa Assistent:innen, Dolmetscher:innen und auch Angehörige, wie etwa Eltern, Geschwister, Freunde und Partner. Damit muss ich immer wieder erklären, dass ich in einer solchen Situation das Gegenüber nicht verstehen kann, wenn diese sich wegdreht und weiterspricht. Auch Schriftdolmetscher:innen geraten in diese Gewohnheit; sie sprechen nicht deutlich oder zu leise, rufen mir von weitem zu oder wollen mit mir reden, währenddessen sie sich abwenden.

 

Diese beiden Beispiele zum Thema Gewohnheiten stellen widersprüchliches Verhalten vom Körper dar. Zum Einem, da der Körper beim Sprechen nicht präsent ist und sie körperlich sich von mir entfernen und aber dennoch weitersprechen wollen. Und zum Zweiten, wird nicht der ganze Körper als Hilfe angeboten, sondern die Augen, wenn auf etwas hingezeigt oder hingewiesen wird. Der ganze Körper ist beim Geschehen bzw. Tun nicht mit dabei.

Solche alltägliche Gewohnheiten können kränken. Das habe ich auch durch  die Taubblinden-Beratung und durch andere Betroffene erfahren. Solche Gewohnheiten, wenn sie von vermeintlichen Fachpersonen oder langjährigen Personen kommen, können eine körperliche Ignoranz darstellen. Als betroffene Person fühlt es sich an, als würde das Gegenüber die Arbeit und damit meine Bedürfnisse nicht ernst nehmen. Wertvolle und damit wichtige Informationen, welche ich von meiner Seite im Alltag immer wieder anrege, werden vom Gegenüber nicht umgesetzt. Deren körperliche Gewohnheiten werden nicht adaptiert, sondern wiederholen und zementieren sich in Form von gewohnten ausschließlich „visueller und akustischer“ Umgangsweisen. Der körperlich-fühlende Sinn wird außer Acht gelassen. Aber bei Menschen mit Hörsehbeeinträchtigung/Taubblindheit ist die taktile/haptische Ebene zentral, da vieles über Berührungen abläuft bzw. der Körper als Kommunikationsmedium begriffen wird. Damit reicht es nicht, wenn Angehörige oder Fachpersonen Dinge mit nur einem Sinn ausführen, sondern die Menschen müssen voll und ganz mit dem ganzen Körper bei der Sache präsent bleiben. Und sie dürfen körperlichen Kontakt in Begegnung mit taubblinden Personen nicht scheuen.

 

Lydia Kremslehner, Usher-Syndrom, November 2020



Braille-Kurs auf Distanz – geht das?

 

Ich lernte Susanne Buchner-Sabathy bei einer Veranstaltung im Herbst 2019 kennen. Wir saßen nebeneinander und kamen in der Pause ins Gespräch. Da ich Interesse an Braille-Schrift zeigte, erwähnte sie, dass sie ab Jänner / Februar einen Braille-Kurs für Anfänger plant. Also tauschten wir die Kontaktdaten aus.

 

Tatsächlich kam der Kurs ab Februar 2020 zustande. Ich lernte nette Leute kennen. Wir starteten mit den Selbstlauten und einige wenige Konsonanten. Wichtig war, täglich fünf Minuten zu üben, damit die Nervenenden in den Fingerspitzen sich entwickeln können. Jede Woche kamen neue Buchstaben dazu. Nach der sechsten Stunde das Aus: Corona hatte zugeschlagen. Die restlichen geplanten Stunden wurden storniert. Mit der Zeit wurde uns klar, dass der Präsenzunterricht wie bisher noch länger nicht stattfinden können wird. Susanne rief mich eines Tages an und fragte, ob ich bereit wäre, auch über das Telefon in Konferenzschaltung mitzumachen.

Braille – Kurs am Telefon? Aufgrund meiner lebenslangen Erfahrung als Schwerhörige ist für mich Telefonieren so ziemlich das Letzte, was ich gerne mache. Dann auch noch telefonisch lernen? Werde ich sie auch verstehen? Und gleich alle Teilnehmer:innen auf einmal? Schließlich waren wir ja insgesamt sieben Schüler:innen und zwei Lehrerinnen.

 

Jutta Schneeberger sitzt mit blauer Jacke am Tisch in der Holzstube. Sie liest Braille-Schrift. Mit der rechten Hand (Fingerspitze) wird gelesen und die linke Hand folgt der Zeile.

Diese Bedenken äußerte ich auch. Zum Glück habe ich zu meinem Hörsystem ein Zubehör, mit dem ich gut telefonieren kann. Dieses Zubehör wird an meine Jacke oder Bluse gesteckt und per Bluetooth mit meinem Hörsystem verbunden. So habe ich beide Hände frei. Also fragte ich, ob wir nicht vorher noch eine Konferenzschaltung zumindest zu dritt vereinbaren können, damit ich einmal erste Erfahrungen machen und probieren kann, wie gut ich verstehe. Es klappte und ich sagte zu. In diesem Kurs nahm auch ein weiteres Mitglied des Forums Usher Taubblind teil. So wurden wir zwei mit Susanne zu einem Kleinkurs zusammengefasst. Vier weitere Teilnehmer:innen des Präsenzkurses wurden in eine eigene Telefongruppe zusammengefasst und von Margarete betreut. Schließlich konnten wir im Oktober die restlichen vier noch fehlenden Stunden nachholen.

 

Es war für mich ein neues Erlebnis, mit mehreren Teilnehmerinnen gleichzeitig ein Gespräch zu führen. Bisher kannte ich das nur über die Fernsprecheinrichtung, und da konnte ich oft nicht gut verstehen. Grundsätzlich lief der Braille-Kurs auf Distanz sehr gut. Manchmal wurde eine Gesprächspartnerin leiser. Das meldete ich aber sofort und das Mikrofon wurde neu ausgerichtet. Wir konnten in den letzten Stunden die restlichen Buchstaben des Alphabets lernen. Es war sehr nett, aber doch auch sehr anstrengend. Schließlich musste ich mich auf das Gespräch UND auf die Braille-Schrift konzentrieren. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht – nur telefonieren wollte ich an diesen Tagen nach der Kurseinheit nicht mehr. 😊

Jetzt heißt es, weiter üben und dran bleiben. Ehrlich gesagt, so kurz vor Weihnachten habe ich leider deutlich nachgelassen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, nach den Feiertagen weiter zu machen.

 

Ein Dankeschön an Susanne, die den Kurs mit Margarete sehr gut organisiert hat und auch in der Kleingruppe sofort reagiert hat, sobald kleine Probleme auftauchten, die lösbar waren.

 

Jutta Schneeberger, Usher-Syndrom, Dezember 2020

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