Erfahrungsberichte:
Kunstausstellung „Haptische Kunst“ von Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit

Blick in den Raum der Kunstausstellung in der alten WU. Auf der rechten Wand steht „Haptische Kunst“, davor stehen Tische mit Sensibilisierungsmaterialien und zwei Personen, welche sich das anschauen. Links führt ein schmaler roter Teppich am Boden als Führungslinie in den Raum.
Im Oktober 2025 fand eine wirklich tolle haptische Kunstausstellung in Wien statt. Bei dieser konnten zum ersten Mal in Österreich Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit ihre Kunstwerke präsentieren! Auch gehörlose Künstler:innen konnten in den Räumlichkeiten der Alten Wirtschaftsuniversität ihre Kunstwerke ausstellen. Die Kunstausstellung wurde vom Verein Gebärdenverse organisiert, welcher die künstlerische und mediale Teilhabe der Tauben Kultur und Taubblinden Community fördert.
9 Künstler:innen aus ganz Österreich beteiligten sich an der Kunstausstellung, wovon 2 davon aus Tirol waren. Zu den Künstler:innen zählten Anita Schachinger, Cecilia Göbl, Horst Oberndorfer, Julia Moser, Lydia Kremslehner, Margit Lusser, Marko Lalic, Peter Dimmel und Victoria Vörös. Nach der Eröffnung am 3. Oktober konnte die Kunstausstellung bis einschließlich 31. Oktober besichtigt und mit allen Sinnen erlebt werden.
Denn die Besonderheit bei dieser Ausstellung war die haptische Kunst, welche sowohl visuell sichtbar als auch fühlbar war. Das heißt alle Kunstwerke konnten angefasst und auch auf verschiedenen barrierefreien Ebenen zugänglich gemacht werden. Wenn die Kunstobjekte ausschließlich 2-dimensional angefertigt wurden oder zu fragil zum Anfassen waren, wurde vom Verein Gebärdenverse daraus Modelle aus dem 3D Drucker angefertigt.

Gruppenfoto von links nach rechts mit Oliver Suchanek (Obperson Verein Gebärdenverse), Lydia Kremslehner (USH-TB Ansprechpartnerin Tirol) und Paula Scharnagl (TBA). Alle lachen und stehen vor einer künstlerisch gestalteten Wand aus Augen, Symbolen, Lormhänden, Sprechblasen usw.
Genauso wurden die Informationen der Kunstausstellung in vielerlei Hinsicht umfassend barrierefrei aufbereitet. So konnten die Beschriftungen mit taktilen Tafeln erfasst und die Kurzbiografien der einzelnen Künstler:innen sowohl in Schwarzschrift, Braille als auch in leichter Sprache gelesen werden. Neben den wichtigen Führungen in Österreichischer Gebärdensprache gab es auch begleitend Workshops zu Taubblindheit, Inklusion und Kunst.
Auch die vielen Sitzmöglichkeiten und der rollstuhlgerechte Zugang zum Gebäude trugen dazu bei, dass diese Ausstellung ein tolles Erlebnis ohne Barrieren war. Meines Erachtens war dies die allererste Kunstausstellung, welche hinsichtlich der Barrierefreiheit derart vollumfassend organisiert und für wirklich alle Menschen zugänglich war.
Damit war die Kunstaustellung nicht nur ein Erlebnis für alle
Sinne sondern trug zur kulturellen und künstlerischen Sichtbarkeit von Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit bei.
Bei Interesse an Gebärdenverse und weitere Informationen siehe Homepage:
https://gebaerdenverse.at/kunstausstellung/
Lydia Kremslehner MA, November 2025

Ein Kunstwerk eines schwarz-grauen Gorillas aus flauschigem Stoff sitzt auf einem Feld aus Moos und guckt in die Kamera.

Kunstwerk Acryl auf Leinwand: Landschaft mit einer gelb-grünen ertastbaren Wiese, einem großen ertastbaren Baum und einem blauen Himmel.

Zwei Bilder hängen an der Wand, davor steht ein kleiner Tisch mit den Unterlagen der Künstler:in. Auf den Bildern ist eine Landschaft in Rot, Gelb und Schwarz und ein Tigerkopf in Farbe
Kundgebung zur Verbesserung der Lebenssituation von taubblinden und hörsehbeeinträchtigten Menschen sowie zur Anerkennung und Finanzierung von Taubblinden-Assistenz in Österreich
Am 26. September 2025 fand vor dem Parlament in Wien eine Kundgebung statt. Ziel der Kundgebung war, auf die Lebenssituation von taubblinden und hörsehbeeinträchtigten Menschen hinzuweisen und die Anerkennung und Finanzierung von Taubblinden-Assistenz in Österreich einzufordern. Die ÖHTB Beratungsstelle für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen in Wien organisierte die Kundgebung im Rahmen des Leuchtturm-Projektes „Brücken bauen“. Rund 120 Personen – bestehend aus Betroffenen, Angehörigen, Taubblinden-Assistent:innen, Dolmetscher:innen und andere Fachkräfte aus allen Bundesländern reisten an. Auch Lydia Kremslehner von der Selbsthilfegruppe Hörsehbehinderung und Taubblindheit aus Tirol war vertreten. Wir alle setzten gemeinsam ein starkes Zeichen für die dringenden Bedürfnisse der Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit. Denn Betroffene benötigen qualifizierte Taubblinden-Assistenz um an allen Teilen der Gesellschaft teilhaben zu können.
Mit mehreren Ansprachen in unterschiedlichen Kommunikationsformen wie in Gebärdensprache, taktiler Gebärden, Lormen, Lautsprache usw. verschafften wir uns vor dem Parlament Gehör. Nicht nur vor dem Parlament waren Betroffene sichtbar, sondern auch über verschiedene Medienformate konnten wir auf die Thematik aufmerksam machen:
- In einem Video kommen Betroffene selbst zu Wort und erklären eindrücklich „Wir brauchen Taubblinden-Assistenz (TBA) … jetzt!“
https://youtu.be/-sbdP1jGPDQ?si=yZFnWfLKV-0g4MvG
- Auch auf Ö1 sowie im ORF („Zeit im Bild 1“) wurde über die Aktion berichtet. Die Beiträge als Video, Audiodatei und auch in Textform angeschaut, nachgehört bzw. nachgelesen werden:
https://usher-taubblind.at/presse/medienbeitraege-2025/
Lydia Kremslehner MA, November 2025
Was sind taktile Gebärden bzw. taktile Gebärdensprache?
Das ist Gebärdensprache mittels Berührung. Dabei legt die taubblinde Person ihre Hände auf die Hände des gebärdenden Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartner:in. So kann die taubblinde Person die Form und die Bewegung der Gebärden fühlen. Das taktile Gebärden ist eine „Vierhandkommunikation“.
Nähere Infos siehe PDF von Brigitte Baumann im Rahmen des Workshops:
Information_Workshop_Vortrag_taktile_Gebärden
Workshop „Taktil Gebärden“ 25.04.2025 (14:00-16:00 Uhr) in Innsbruck
Das Thema „Taktile Gebärdensprache“ wurde am 25. April 2025 in Innsbruck zum ersten Mal in Rahmen eines Workshops behandelt. Somit gab es für Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit als auch für Angehörige, Assistent:innen und Interessierte aus den verschiedensten Bereichen Gelegenheit die taktilen Gebärden kennenzulernen. Der Workshop wurde von Brigitte Baumann durchgeführt. Sie ist Gebärdensprachpädagogin bei der Firma HandsCom und zugleich Betroffene aus Wien. Beim Workshop waren ein paar Betroffene und jede Menge interessierte Fachpersonen dabei.
Brigitte Baumann betonte zu Beginn die Teilhabe; Taubblinde Menschen dürfen in der Gehörlosencommunity genauso dabei sein. Sie erklärte uns ganz genau wie und wo Taktile Gebärden durchgeführt werden können. Die Position der Hände, das langsame Annähern und die behutsame Berührung standen im Zentrum. Brigitte Baumann machte uns auch auf einige geläufige Fehler aufmerksam: wie etwa zu nahe oder intime Berührungen. Es gab auch Gelegenheit, um ein paar Taktile Gebärden interaktiv zu üben. Brigitte Baumann ging zu jedem Teilnehmer:innenpaar und gab Tipps oder Verbesserungsvorschläge. Im Anschluss wurden uns noch ein paar haptische Zeichen (Haptic Signs) gezeigt. Zu guter Letzt hatte sich Brigitte Baumann eine abgewandelte Form des Spiels „Stille Post“ überlegt. Die Teilnehmer:innen stellten sich hintereinander in einer Reihe auf und konnten sich gegenseitig nicht sehen. Die erste Person drehte sich jeweils zur nächsten Person um und führte die Taktile Gebärde aus. Diejenige Person, welche die Taktile Gebärde empfangen hat, drehte sich im nächsten Schritt auch um und gab ihr Wissen an die nächste Person weiter. Dies ging die ganze Reihe durch bis zum Ende. Natürlich kam, wie bei jeder Stillen Post, ein ganz anderes Wort dabei heraus. ???? Im Großen und Ganzen waren einige interessante Informationen zur Umsetzung der taktilen Gebärden dabei.
Lydia Kremslehner MA, Juli 2025
Was ist Haptic Sign bzw. Body Sign?
Haptic Signs sind haptische Zeichen. Das ist eine Kommunikationshilfe mittels Tastsinn für Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit. Sie funktionieren über Berührungen an der Hand, Schulter, Oberarm, Rücken usw. Diese sind im Alltag praktisch anwendbar!
Nähere Infos siehe PDF von Jana Horkava im Rahmen des Workshops:
Information_Workshop_Body_Signs
Workshop Haptic Signs 24.04.2025 (11:30-15:30 Uhr) in Innsbruck
Am 24. April 2025 gab es in Innsbruck zum ersten Mal einen Workshop über Haptic Signs für Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit. Damit gab es für Betroffene als auch für Angehörige, Assistent:innen und Interessierte aus den verschiedensten Bereichen die Möglichkeit Haptic Signs zu lernen! Jana Horkava von der ÖHTB Beratungsstelle aus Wien führte den Workshop aus. Sie ist Projektmitarbeiterin, Pädagogin und Taubblinden-Assistentin. Der Workshop wurde von sehr vielen Betroffenen und einigen Assistent:innen und interessierten Fachleuten besucht.
Nach technischen Anlaufschwierigkeiten startete Jana Horkava mit grundsätzlichen Erklärungen zu Haptic Signs. Sie ging darauf ein, was haptische Kommunikation überhaupt ist, erklärte den Begriff Haptik sowie die Herkunft und Möglichkeiten von Haptic Signs in der Kommunikation. Sie betonte, dass haptische Kommunikation eine Ergänzung zu bestehenden Kommunikationsformen wie Lormen, Taktile Gebärden, Lautsprache ist. Haptic Sign ist somit keine eigene Kommunikationsform. Nach den Anwendungsfeldern und Möglichkeiten wurde schnell klar, welchen praktischen Nutzen Haptic Sign hat. Haptic Signs können auf unterschiedliche Körperzonen je nach Belieben ausgeführt werden. Vor allem die Art der Berührung im Sinne der Bewegung, Häufigkeit, Druckintensität und Ausführung sind wesentlich. Nach der Erklärung dieses theoretischen Inputs gingen wir auf die Vokabeln ein. Dieser Teil des Workshops war interaktiv; jede:r konnte jedes neue Wort selber spüren und auch bei einer anderen Person ausführen. Damit waren Betroffene nicht ausschließlich „Empfänger“ sondern auch Angehörige und Assistent:innen konnten die Haptic Signs spüren lernen. Jana Horkava bemühte sich sehr und ging trotz der großen Gruppe auf jede Person individuell ein. So wurden neue Wörter für blinde Personen erklärt und danach mit der Bewegung ausgeführt. Die neuen Wörter wurden auch auf visueller Ebene für Gehörlose bei einer Teilnehmerin gezeigt. Wenn sich Kursteilnehmende nicht auskannten oder etwas falsch ausführten, war Jana Horkava sofort zur Stelle. Sie erkannte im emotionalen Ausdruck sofort, wenn Hilfe notwendig war. Jedes Wort wurde solange durchgeführt, bis es jede:r verstanden und gespürt hat. Es war ein wirklich toller Workshop und hat mit Jana Horkava sehr viel Spaß gemacht. Damit aus den erlernten praktischen Haptic Signs nichts vergessen wird, können die Zeichen in einem haptischen Lexikon im Internet angeschaut werden. Hier ist der Link: https://hapticbodysigns.de/de
Lydia Kremslehner MA, Juli 2025
Taubblind Schifahren
Hier ist ein spannender Internetbericht über das Taubblind Schifahren mit Video und Interviews von Torbjörn Svensson und Lydia Kremslehner:
https://tirol.orf.at/stories/3297924/
Torbjörn Svensson ist aus Schweden, taubblind und ein leidenschaftlicher Schifahrer. Er war im März 2025 in Tirol zu Besuch. Er war in Finkenberg im Zillertal mit seiner Familie und den Taubblinden-Assistent:innen schifahren. Gegenüber dem ORF Tirol erklärt er genau, wie das mit qualifizierter Unterstützung gelingt. In Schweden ist die qualifizierte Unterstützung viel besser ausgebaut im Vergleich zu Tirol und Österreich. In Österreich fehlt die qualifizierte Unterstützung für Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit. Ohne eine qualifizierte Taubblinden-Assistenz oder Taubblinden-Dolmetschung ist es schwierig gewisse Sportarten, Hobbies, Ausflüge und Urlaube durchzuführen. Diese ist aber aus meiner Sicht notwendig, um als betroffene Person das Leben selbstbestimmt führen zu können. Denn solcherart Unterstützungen sind das Auge und Ohr für Betroffene. Sie helfen in den Bereichen Information, Kommunikation und in der Mobilität und überwinden zahlreiche Hindernisse und Barrieren.
Ich bin, ähnlich wie Torbjörn Svensson, früher als Jugendliche auch sehr oft und gerne Schifahren gewesen. Leider habe ich nach meiner Diagnose „Usher-Syndrom“ meine komplette Schi-Ausrüstung verkauft. Ich dachte, das wäre mit dieser Behinderung nicht möglich. Aber es ist möglich und zwar mit qualifizierter Unterstützung! Ich hoffe auch, dass ich wie Torbjörn Svensson irgendwann wieder auf der Schipiste sein kann und das Gefühl von Freiheit erleben kann.
Ich danke Torbjörn Svensson für diesen Beitrag und die Motivation! Dieser Beitrag macht deutlich, dass Bedürfnisse von Menschen mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung im Grunde genommen gleich sind. Der große Unterschied liegt in den Rahmenbedingungen und im eigenen Land/Bundesland, um das zu ermöglichen. Es darf aber keinen Unterschied machen, wo Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit wohnen. Jede:r Betroffene sollte die Möglichkeit bekommen, Sportarten und Hobbies nachgehen und damit selbstbestimmt leben zu können.
Lydia Kremslehner MA, Juli 2025


